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Erfolgsgeschichte „Fußball trifft Kultur“:

Doppelt gewinnen mit Ball und Buch

Es ist ein frühsommerlicher Dienstagnachmittag in Frankfurt. An der S-Bahn-Station „Frankfurter Berg“ steigen wir aus. Vor unseren Augen ragen Plattenbau-Hochhäuser auf, direkt daneben grenzen kleine bunte Reihenhäuser an. Nach einigen Metern hören wir bereits aus der Ferne Kindergeschrei. Es kündigt die Albert-Schweitzer-Schule an, die wir wenige Schritte später erreicht haben. Unsere Begleitung Karin Plötz, Direktorin der LitCam gGmbH und Initiatorin des Projekts „Fußball trifft Kultur“, öffnet das Schultor. Obwohl der Unterricht bereits zu Ende ist, toben noch viele Kinder auf dem Pausenhof. Frau Plötz führt uns zu dem kleinen Sportplatz der Schule – Ziel unseres Besuchs. Denn hier findet gleich Fußballtraining statt, wenn auch kein Gewöhnliches.

Eine Gruppe von Kindern aus der dritten und vierten Klasse, viele stammen aus geflüchteten Familien, hat sich bereits versammelt. Der Trainer kommt und alle setzen sich in einem Kreis mitten auf den Platz. Der organisatorische Teil beginnt: Welches Kind hat erst Training und welches geht zunächst in den Förderunterricht, bevor die Gruppen tauschen? Nachdem die Kinder aufgeteilt sind, zieht der Projekt-Lehrer mit der ersten Gruppe in den Unterrichtsraum um. Der Trainer erklärt in einfachen Sätzen die erste Übung. Training sowie Unterricht können beginnen.

Alles fing mit der Freundschaft zu einem englischen Fußballtrainer an, der gleichzeitig auch Physiklehrer war, erzählt Karin Plötz. Wenn Unruhe in der Klasse herrschte, stellte er die Schüler vor die Wahl: Entweder es wird aufgepasst oder es gibt kein Training. Sein Vorgehen hatte bei den Jugendlichen Erfolg und brachte Karin Plötz auf die Idee, ein eigenständiges Konzept daraus zu entwickeln. Ihr Entwurf, Fußballtraining, Förderunterricht und kulturelle Aktivitäten zu kombinieren, gewann bei einer Ideen-Ausschreibung ein Startkapital von 50.000 Euro. Mit dieser Förderung fiel im Jahr 2007 der Startschuss für das Projekt „Fußball trifft Kultur“. Kurz darauf startete die erste Schule in Frankfurt mit insgesamt 24 Kindern und dem Bundesliga-Verein Eintracht Frankfurt als Kooperationspartner.

Fast 19 Prozent der Schülerinnen und Schüler der vierten Grundschulklassen in Deutschland können nicht ausreichend lesen (IGLU-Studie 2016), wobei vor allem Kinder aus problematischem Umfeld betroffen sind. Gerade ihnen fehlt es auch besonders häufig an Motivation zum Lernen. Für Karin Plötz stand daher fest, dass bereits in jungen Jahren das Interesse der Kinder am Lernen und an Kultur geweckt werden muss, um früh genug die richtigen Weichen zu stellen. Die rasante Entwicklung ihres Projekts gibt ihr Recht: Mittlerweile nehmen 24 Projektgruppen in 15 Städten teil und arbeiten mit Proficlubs wie Borussia Dortmund, FC Schalke 04 oder dem VfB Stuttgart zusammen. Die anfängliche Skepsis ist in große Zustimmung umgeschlagen – zahlreiche Preise, besondere Akzeptanz in der Fußball-Welt und gefragte Expertise aus mittlerweile zehnjähriger Erfahrung in erfolgreicher Integration machen dies deutlich. Doch das Wichtigste: Die Kinder haben Spaß und sind nicht nur im Training eifrig dabei, sondern auch im Unterricht.

Zurück in der Albert Schweitzer-Schule und im Unterrichtsraum der ersten Gruppe: Die Kinder haben sich um den jungen Projekt-Lehrer Felix Mauser gesetzt. Heute ist das Thema „Berufe“ dran und die Kinder sollen anhand von Bildkarten den abgebildeten Beruf nennen – erst in ihrer eigenen Sprache, danach auf Deutsch. Aufgeregt melden sie sich und verkünden stolz die gerade erlernten Begriffe. Dabei kommen die Kinder auch ins Stutzen: Wie heißt denn eigentlich eine männliche Krankenschwester? Felix Mauser gibt geduldig Antworten und man merkt ihm seinen großen Spaß dabei an.

„Wir haben eine sehr heterogene Gruppe - einige Kinder sind sogar erst seit zwei Monaten in Deutschland. Es ist einfach unglaublich interessant, weil die Kinder viel voneinander lernen können und viele andere Kulturen kennenlernen“, fügt Felix Mauser noch hinzu, dann geht der Unterricht weiter.

In der Zwischenzeit auf dem Sportplatz: Nach einer letzten Übung dürfen die Kinder zum Abschluss nun zu einem kleinen Fußballspiel antreten. Trainer Michael Schwab pfeift an und kommt dann zu uns an den Spielfeldrand. „Ich bin ja eigentlich Fußballtrainer, aber in erster Linie geht es hier auch darum, den Kindern beizubringen, wie man sich korrekt gegenüber den anderen verhält. Das liegt natürlich auch daran, dass hier ganz verschiedene Kulturen zusammentreffen“, erklärt er seine größte Herausforderung. Bereits seit knapp 8 Jahren ist er nun schon Trainer im Projekt und bereut es keine Sekunde.

Karin Plötz schaut den Kindern stolz bei ihrem Fußballspiel zu. Es sind diese Besuche bei den Projektgruppen vor Ort, die ihr immer wieder zeigen, wofür sich die Arbeit lohnt, Akquise zu betreiben und neue Sponsoren zu finden. Sie erinnert sich noch gut an die Zeit vor einigen Jahren, als das Projekt finanziell auf der Kippe stand und nicht klar war, wie es weitergehen würde. Der Start der bundesweiten Kooperation mit der DFL Stiftung im Jahr 2012 bedeutete den Ausweg. Seitdem unterstützt die DFL Stiftung das Projekt nicht nur finanziell, sondern auch kommunikativ, erklärt Stefan Kiefer, Vorstandsvorsitzender der DFL Stiftung. Eine Halbzeit Training und eine Halbzeit Lernen, verbunden mit der bundesweiten Unterstützung von ProfiFußballclubs, machen „Fußball trifft Kultur“ zu einem Leuchtturmprojekt der Stiftung.

Höhepunkt eines jeden Projektjahres ist schließlich das gemeinsame „Fußball trifft Kultur“-Abschlussturnier zu dem sich alle Projektgruppen aus ganz Deutschland mit rund 500 Kindern in einer Stadt treffen. Alle haben die große Hoffnung, den Wanderpokal mit nach Hause nehmen zu können. Fragt man Karin Plötz und Stefan Kiefer nach ihrer Hoffnung für die Zukunft, so ist klar: Das Projekt soll noch größer, noch mehr Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga dazugewonnen, noch mehr Schulen aufgenommen werden, sodass am Ende noch mehr Kinder eine Chance erhalten und ihre Lust am Lernen, an Kultur und natürlich an Fußball geweckt wird.

„Fußball trifft Kultur“ wurde zur Bildungsidee 2011 im Wettbewerb „Ideen für die Bildungsrepublik“ gekürt.

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