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Erfolgsgeschichte Künstlerstadt Kalbe:

Wiederbelebt mit Farbe und Pinsel

Rosenstöcke an Fachwerkfassaden, Kitas, Schulen, Optiker, eine imposante Wasserburg-Ruine, rekordverdächtige 103 Brücken – der Steckbrief der kleinen Stadt Kalbe in der Altmark verspricht ländlichen Charme bei beachtlicher Infrastruktur. Und über allem liegt idyllische Ruhe. Die jedoch ist Segen und Fluch zugleich für das sachsen-anhaltische Kleinod am Fluss Milde. Lautet doch die andere Seite der Medaille Abwanderung und Leerstand. Wie viele andere kleine Orte trägt Kalbe an den Folgen des Strukturwandels und der demografischen Entwicklung. Doch eine Kulturinitiative will diese Entwicklung nicht einfach hinnehmen; sie rief 2013 kurzerhand die „Künstlerstadt Kalbe“ aus. Und tatsächlich: Seitdem haben sich nicht nur die Stimmung und Lebensqualität der Einwohner gehoben, auch die Wahrnehmung von außen ist völlig verändert. Die Geheimzutaten: Kunst und Kultur. Vorsitzende des Vereins Künstlerstadt Kalbe ist Corinna Köbele. Sie blickte von ihrem Haus auf verwaiste Häuser und traurige, leere Fenster. „Bald wohnst du in einer Geisterstraße“, habe sie befürchtet. Die praktizierende Psychotherapeutin greift selbst öfter zu Pinsel und Stift und bildet das nie ruhende Herz der Initiative: Ihr letztes freies Wochenende hatte sie an Weihnachten. Nach einem Spontanerfolg sah das Vorhaben Künstlerstadt anfangs nicht aus. Lange musste Corinna Köbele Unterstützer suchen. Mancher lobte sie als mutig, das aber hört sie nicht gern.

Binnen fünf Jahren befiel das Kunstfieber die ganze Stadt. Durch die Hände Ehrenamtlicher verwandelten sich verlassene Häuser in Ateliers und Ausstellungsräume. Um 13 Immobilien kümmert sich der Verein inzwischen; einige sind in seinem Besitz. Die Stadt ist mit fröhlichen Plakaten tapeziert, die ehemalige Trabi-Werkstatt steht nun voller Skulpturen; die Pin-up-Poster wichen Collagen aus gerafftem Stoff. Vor dem Hoftor kann man aus einem umfunktionierten Zigarettenautomaten gegen Einwurf von vier Euro kleine Kunst-Unikate ziehen. Es gibt Kooperationen mit den Schulen; und am Fuße der Nikolaikirche haben 40 Frauen ein Tipi aus 1200 Einzelteilen zusammengehäkelt. Das bunte Zelt ist nun Fotomotiv Nummer eins in Kalbe.

2013 wurde Kalbe ein „Ausgezeichneter Ort“. Seitdem häufen sich die Würdigungen. Mittlerweile gehören der Fonds Neue Länder der Kulturstiftung des Bundes und die Robert Bosch Stiftung zu den Förderern der Initiative. Kalbe avancierte zum Magneten für Touristen und Besucher aus dem Ausland: Die Stipendiaten aus aller Welt verleihen der Kleinstadt abgesehen von ihrem kreativen Output schon durch ihre bloße Anwesenheit Farbe. Mancher Kalbenser übt eifrig Englisch und der ortsansässige Steinmetz stellt jungen Bildhauern Steinblöcke zum Bearbeiten unter seine Obstbäume. Kalbe wurde zum Aushängeschild für einen deutschen Landstrich, über den Corinna Köbele zumeist gefragt wird, wie es eigentlich um die Parteienlandschaft in der Gegend stehe und ob man "da als Frau allein zelten" könne.
Azad Petrosyan aus Armenien ist einer von 19 aktuellen Stipendiaten des alljährlichen Sommercamps. Der Armenier verbringt dieses Jahr erstmals vier Wochen in der 100-Brücken-Stadt. Über eine kooperierende Kulturorganisation seiner Heimat bekam er Wind von dem Stipendium. Was lockt ihn in die Altmark?

Auch Stipendiatin Britta Tränkler aus Stuttgart verliebte sich in den „Luxus der Leere“, wie sie sagt. Gerade übt sie einen selbst entwickelten Tanz in einer riesigen Scheune. Die Figurentheater-Studentin möchte definitiv nach Kalbe zurückkehren, um mit verschwenderisch viel Raum und Zeit und ohne jede großstädtische Ablenkung ihre nächsten Tanzprojekte zu verfolgen.

In diesem Jahr veranstaltete der Verein erstmals das "potentiale"-Festival, bei dem improvisierte Musik, Bildende Kunst, Stahl- und Steinhandwerk sowie interdisziplinäre Workshops Menschen aus ganz Deutschland anzogen. Ortsbürgermeister Heiko Gabriel hat zwar als Schüler Klavier gespielt, würde aber niemals vor den Kalbensern in die Tasten hauen. Er unterstützt das Konzept lieber organisatorisch.

Die Kalbenser Aktivisten häufen jährlich mehrere Hundert Ehrenamtstunden an und denken auch künftig groß: Für 2019 steht ein europäisches Schriftstellertreffen im Veranstaltungskalender. Ausgangspunkt war der Kontakt mit einem Autor aus Bangladesch. Ein Theaterfestival in Kooperation mit niederländischen Partnern soll zwischen mehreren Spielstätten rotieren. Und neue Musik erklingt bei einem Projekt mit dem IMPULS-Festival Halle. Schon reifen auch Pläne für den Ausbau eines riesigen Kulturhofs mit angrenzenden Wohnungen für Stipendiaten, die bald auch aus Spanien, Polen, Frankreich, Israel und den USA kommen sollen.

„Die Künstlerstadt Kalbe macht auch anderen Städten in Sachsen-Anhalt Mut, mit kreativen Ideen Antworten auf den demografischen Wandel zu finden. Vor fünf Jahren von der Initiative Land der Ideen ausgezeichnet, findet die Künstlerstadt auch über unser Land hinaus großes Interesse.“

Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff wurde beim jüngsten Bänkefest selbst tätig: Mit einer südkoreanischen Stipendiatin gestaltete er eine Blanko-Postkarte aus Kalbe. Das Gemeinschaftswerk ging am nächsten Tag an eine bekannte Adressatin – ganz ohne Briefmarke. Bei einem Termin überbrachte Haseloff der Kanzlerin Angela Merkel den bunten Gruß aus der Altmark. Als kleines Symbol dafür, dass der Niedergang der ländlichen Region kein Automatismus ist.

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