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Erfolgsgeschichte Teach First Deutschland:

Wo Träume fliegen lernen

Gleiche Bildungschancen für alle Kinder – das klingt toll in der Theorie. Aber ungünstige Startbedingungen gleichen sich nicht per Fingerschnips aus. Das hat den Ehrgeiz der gemeinnützigen Initiative Teach First Deutschland geweckt; sie will erfolgreiche Lebensläufe von Faktoren wie Herkunft oder Einkommen der Eltern entkoppeln. So vermittelt sie Hochschulabsolventen aller Studienrichtungen für zwei Jahre als „Fellows“ an Schulen, die dafür Bedarf anmelden. Christian Jakubassa, studierter Politologe und Soziologe, ist einer von ihnen. In der 9a der Herbert-Hoover-Schule im Berliner Wedding verstärkt er seit September das engagierte Lehrerteam, hilft bei Hausaufgaben, gibt Nachmittagskurse. Schulleiterin Jane Natz schätzt das Zusatzangebot an ihrer Einrichtung mit mehr als 450 Schülern. Seit es das Programm gibt, von 2009 an, nimmt ihre Schule teil. Die Fellows durchlaufen ein Auswahlverfahren und werden vor ihrem Einsatz von Teach First Deutschland speziell ausgebildet. Jede Schule, im sozialen Brennpunkt oder nicht, würde von Fellows profitieren, ist sich Jane Natz sicher. Die freiwilligen Unterstützer hätten nicht nur bessere Noten im Blick:

Abulfazl ist 16 und kam erst vor drei Monaten aus Afghanistan nach Deutschland. Unglaublich, dass er sich jetzt inmitten anderer Schüler der Klasse 9a meldet und in verständlichem Deutsch ansagt, wie man das Volumen eines Kegels berechnet. Mehr als 80 Prozent der Kinder an der Hoover-Schule sind mehrsprachig. Und doch lösen sich Klischees hier in Luft auf. Die Schüler hätten keine Null-Bock-Einstellung, sagt Schulleiterin Natz. Im Schulflur steht ein Modell des schönen spätklassizistischen gelben Backstein-Baus, darüber hängen an der Wand Urkunden und Zertifikate. Die Hausordnung legt in großer Schrift freundliche Umgangsformen fest und verkündet: „Wir leben unsere Träume“. Erwachsene werden gegrüßt, Türen aufgehalten, Zuspätkommer nehmen nach dem Stempel-Eintrag ins Schultagebuch reuig auf der Bank im Foyer Platz. Und zum Mittag geben Siebtklässler frisch gebackene Pizza aus – das saubere Einreihen in die Warteschlange versteht sich von selbst. Fellow Christian Jakubassa übt in Raum 208 mit einer kleinen Schülergruppe für den Mathe-Test. Es herrscht Ruhe, Finger heben sich. Wie kommt der Neuzugang in der Klasse bei den Jugendlichen an?

Fellows geben wie die Lehrer auch Unterricht, aber keine Noten und sind Ansprechpartner in allen Belangen. Jakubassas Rolle schwankt irgendwo zwischen Zusatzlehrer, Mentor und Zuhörer. Er kennt seine Schüler aus der 9a nach den wenigen Monaten schon gut, hat ihren Respekt, beobachtet sie und zehrt von der Wirkung seiner Vollzeit-Arbeit:

In acht Bundesländern entsendet Teach First Deutschland mittlerweile Fellows an die Schulen. Schirmherrin ist die Bundespräsidenten-Gattin Elke Büdenbender. In diesem Jahr feiert die Initiative ihren zehnten Fellow-Jahrgang. Da ist es ein passendes Geschenk, dass im September ganze 111 Hochschulabsolventen hinzukamen. Insgesamt verstärken nun 170 junge Menschen bundesweit die Pädagogen. Ihr Einsatz wird von den Ländern finanziert; Teach First Deutschland lebt ansonsten von Spenden und hat Partner. In Berlin hat der Senat in diesem Jahr erstmals eine große Stange Geld für Fellows in den Haushalt eingestellt: 1,6 Millionen Euro. Ulf Matysiak, Geschäftsführer von Teach First Deutschland, erzählt, wie es zur Idee für das Fellow-Programm kam.

Vor allem der Wechsel zwischen zwei Schulformen oder in eine Ausbildung seien Sollbruchstellen in den Lebenswegen vieler Schüler, sagt Matysiak. Ziel sei neben besseren schulischen Leistungen und der Beratung der Schüler aber auch, am Ende selbstbewusste Persönlichkeiten mit „starken Stimmen für die Gesellschaft“ ins Leben zu schicken. Am Konzept werde ständig gefeilt, um die Schüler optimal unterstützen zu können:

Die letzten Schultage von Fellows verlaufen oft tränenreich. Nach den zwei Jahren verfolgen die jungen Menschen verschiedene berufliche Wege. Viele Fellows, sagt Ulf Matysiak, blieben nach ihrem Einsatz dem Bildungssektor treu. Geprägt durch ihre Erfahrungen engagieren sie sich weiterhin für die Chancen benachteiligter Kinder. Viele der 500 Alumni arbeiten nun in Stiftungen, NGOs, für Vereine oder Unternehmen. Einige haben selbst Bildungsprojekte gegründet. Der Wind, den die Fellows an die Schulen bringen, ist zu spüren. Träume kommen auf, der Wunsch, eine gute Zukunft zu haben und sich dafür ins Zeug zu legen. Emine (15) und Ebru (15) aus der 9a möchten Flugbegleiterinnen werden. Eda (14) hat nun mehr Lust an Mathe und Englisch und strebt eine Ausbildung zur Sanitäterin an. Abulfazl aus Afghanistan hat mit Hilfe des Fellows einen Praktikumsplatz ergattert und möchte für seinen großen Traum, Polizist zu werden, seine Noten verbessern. Und Zelal (13) schwebt eine Zukunft als Maskenbildnerin vor.

Christian Jakubassas Eltern waren keine Akademiker. Er sei Neubaukind aus einem ärmlichen Stadtteil von Leipzig, berichtet er. Er habe dennoch seinen Weg gefunden und wolle auch anderen zeigen, dass man alles schaffen kann, wenn man sich anstrengt. Wie geht es für ihn weiter nach zwei Jahren im Berliner Wedding, als Lehrender, Mentor, Vertrauter, Problemmanager, Führungskraft? Er habe noch keine Pläne, sagt er. Aber er werde nicht mehr derselbe sein und seinen Karriereweg ungemein bereichert fortsetzen. Manchmal schreibt das Leben besonders runde Geschichten: Eine junge Frau aus Duisburg hatte als Schülerin einen weiblichen Fellow an ihrer Seite. Sie studiert nun Sozialwissenschaften – und verspürt den dringenden Wunsch, nach ihrem Abschluss selbst aktiv zu helfen. Als Fellow.

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